Umwelt Zentralschweiz: Welche Rolle spielen Neobiota aktuell für die Gewässer in der Zentralschweiz, und warum ist das Thema in den letzten Jahren wichtiger geworden?
Lorenz Jaun: Die Entwicklung der standortfremden, invasiven Pflanzen und Tiere findet unter der Wasseroberfläche statt. Vielfach verdrängen diese Neobiota die standorttypischen, angepassten Arten unbemerkt und ohne einschneidende Auswirkungen auf die Seenutzungen. Mit der Ausbreitung der Quagga-Muschel zeigen sich nun sowohl ökologische Folgen auf die Biodiversität als auch wirtschaftliche Auswirkungen in den Seenutzungen. Darum hat das Thema breitere Beachtung gefunden.
Welche ökologischen und nutzungsbedingten Auswirkungen haben invasive gebietsfremde Arten auf unsere Seen und Flüsse?
Mit der direkten Konkurrenz für einheimische Arten mit ähnlichem Nahrungs- und Lebensraum kann die Biodiversität beeinträchtigt werden und es können auch indirekte Effekte auf das Ökosystem auftreten. Nutzungen, die vom Gewässer abhängig sind, wie die Berufs- oder Angelfischerei, Wasserentnahmen für z.B. Trink-, Kühl- oder Nutzwasser oder Wassereinleitungen z.B. für Abwasser sowie Erholungsnutzungen beispielsweise Baden und Bootsnutzungen können je nach Art der Neobiota unterschiedlich beeinträchtigt werden.
Kannst du konkrete Beispiele von problematischen Neobiota in der Region nennen und deren Auswirkungen kurz erläutern?
Das aktuelle Extrembeispiel ist die Quagga-Muschel, die sich invasiv verbreitet, vermehrt und Oberflächen massiv besiedelt. Die Muscheln filtrieren insbesondere auch die schwebenden pflanzlichen Nahrungsteilchen, sogenanntes Phytoplankton, aus dem Wasser, so dass für andere planktonfressende Organismen und schliesslich auch für Fische weniger Nahrung zur Verfügung steht. Zusätzlich sind auch Veränderungen der Nährstoffverteilung, der Artengemeinschaft und des Nahrungsnetzes, also des gesamten Ökosystems möglich. Für die Berufsfischerei kann dies eine grosse wirtschaftliche Beeinträchtigung darstellen. Durch die schnelle Vermehrung der Muschel auf allen Oberflächen wird auch ihre Arbeit aufwändiger. Insbesondere werden aber auch Rohre für Wasserentnahmen oder -einleitungen verstopft und müssen mit sehr hohen Kosten wieder frei gemacht werden. Dichte Ansammlungen im Uferbereich können auch lästige Auswirkungen für die Badenden oder die Bootsnutzungen bedeuten.