Umwelt Zentralschweiz: Welche Herausforderungen beschäftigen die Abfallentsorgung aktuell am stärksten – und wo sehen Sie Fortschritte im Umgang mit Ressourcen?
Peter Inhelder: Ein zentrales Thema ist heute die Kreislaufwirtschaft. Der Begriff wird oft ähnlich inflationär verwendet wie «Nachhaltigkeit». Doch dahinter steckt ein sehr konkretes Ziel: Produkte und Materialien sollen möglichst lange im Kreislauf bleiben. Das bedeutet, dass sie wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet oder recycelt werden, anstatt nach einmaliger Nutzung im Abfall zu landen. Dadurch können wir Rohstoffe, Energie und CO₂ einsparen und die Umweltbelastung reduzieren. Die Herausforderung liegt allerdings weniger in der Theorie als in der Umsetzung. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft braucht Märkte für Recyclingprodukte, geeignete Produktdesigns und letztlich auch ein verändertes Konsumverhalten. Ob ein Gerät repariert oder ersetzt wird, hängt oft von wirtschaftlichen Überlegungen ab. Deshalb sind Initiativen wie Repair Cafés oder die Förderung reparaturfreundlicher Produkte wichtige Schritte. Daneben beschäftigen uns PFAS-Belastungen, das kommende Phosphor-Recycling sowie der Umgang mit Schadstoffen in Bauabfällen. Gerade beim Gebäuderückbau stellt sich immer häufiger die Frage, welche Materialien wiederverwendet werden können und welche aufgrund von Schadstoffbelastungen speziell entsorgt werden müssen.

Littering bleibt ein sichtbares Problem. Welche Auswirkungen hat achtlos weggeworfener Abfall auf Umwelt und Gemeinden?
Littering wird oft als Abfallproblem wahrgenommen, eigentlich ist es aber vor allem ein Verhaltensproblem. Die Auswirkungen sind dennoch erheblich. Zum einen leidet die Lebensqualität. Saubere öffentliche Räume tragen wesentlich zum Wohlbefinden der Bevölkerung und zum Image einer Gemeinde bei. Achtlos weggeworfener Abfall beeinträchtigt dieses Erscheinungsbild. Zum anderen gibt es ökologische Folgen. Weggeworfene Materialien gehen dem Stoffkreislauf verloren und können nicht mehr recycelt werden. Zudem gefährden Abfälle Tiere und Pflanzen. Kunststoffe zerfallen mit der Zeit zu Mikroplastik und gelangen in die Umwelt. Nicht zuletzt verursacht Littering hohe Kosten. Schweizweit entstehen jährlich Reinigungskosten von rund 200 Millionen Franken. Hinzu kommen Ausgaben für Sammelbehälter, Sensibilisierungskampagnen und Präventionsarbeit. Diese Kosten tragen letztlich die Gemeinden und Steuerzahlenden.

Welche Massnahmen wirken aus Ihrer Sicht besonders gut, um Bevölkerung und Unternehmen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Abfällen zu sensibilisieren?
Am wirksamsten ist eine Kombination verschiedener Massnahmen. Zunächst braucht es eine gute Infrastruktur. Sammelstellen, Ökihöfe und ausreichend Entsorgungsmöglichkeiten machen es der Bevölkerung leicht, Abfälle korrekt zu entsorgen. Ebenso wichtig ist die Vorbildfunktion von Gemeinden, Kantonen und Unternehmen. Wenn öffentliche Institutionen selbst konsequent auf Ressourcenschonung und Abfallvermeidung setzen, hat das eine starke Signalwirkung. Ein weiterer Schlüssel liegt in der Bildung. Umweltwissen und konkrete Handlungskompetenzen sollten möglichst früh vermittelt werden. Deshalb unterstützen wir beispielsweise den Abfallunterricht an Schwyzer Primarschulen. Kinder und Jugendliche lernen dort, weshalb Rohstoffe wertvoll sind und wie sie verantwortungsvoll damit umgehen können. Natürlich gehören auch Sensibilisierungskampagnen, Medienarbeit und Informationsangebote dazu. Und in gewissen Fällen sind Sanktionen notwendig. Bussen bei illegaler Entsorgung können eine abschreckende Wirkung entfalten, ersetzen aber keine langfristige Bewusstseinsbildung.

«Die grösste Herausforderung ist nicht die Technik, sondern unser Verhalten»

Peter Inhelder – Amtsvorsteher des Amts für Umwelt und Energie im Kanton Schwyz

PFAS stehen zunehmend im Fokus der Öffentlichkeit. Warum sind diese Stoffe problematisch, und welche Herausforderungen ergeben sich für die Umweltbehörden?
PFAS werden oft als «Ewigkeitschemikalien» bezeichnet. Es handelt sich um synthetische Stoffe, die extrem langlebig sind und sich in der Umwelt kaum abbauen. Aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften wurden sie über Jahrzehnte in zahlreichen Produkten eingesetzt. Das Problem besteht darin, dass sich PFAS in der Umwelt und teilweise auch im menschlichen Körper anreichern. Für einige dieser Stoffe sind gesundheitsschädigende Wirkungen bekannt, bei vielen anderen bestehen noch Wissenslücken. Für die Behörden ergeben sich daraus verschiedene Herausforderungen. Zunächst müssen die relevanten Quellen identifiziert werden. Anschliessend gilt es festzulegen, wie mit belasteten Böden, Gewässern oder Lebensmitteln umzugehen ist. Zudem stellen sich Fragen der Entschädigung, beispielsweise für Landwirte oder Fischer, deren Produkte aufgrund von PFAS-Belastungen nicht mehr vermarktet werden können. Eine weitere Schwierigkeit ist die Koordination zwischen Bund und Kantonen. Umweltprobleme machen nicht an Kantonsgrenzen halt, weshalb ein möglichst einheitliches Vorgehen wichtig ist.

Welche Rolle spielt die Abfallwirtschaft heute in der Energieversorgung und in einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft?
Die Abfallwirtschaft ist eine zentrale Voraussetzung für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Nur wenn Abfälle korrekt getrennt werden, können Wertstoffe zurückgewonnen und erneut genutzt werden. Verwertbare Materialien gelangen zurück in den Kreislauf, während brennbare Abfälle energetisch genutzt werden. Hier spielen die Kehrichtverwertungsanlagen eine wichtige Rolle. Sie produzieren aus Abfällen Strom und Fernwärme und leisten damit einen Beitrag zur Energieversorgung. Gleichzeitig hilft die Kreislaufwirtschaft, Primärrohstoffe einzusparen und den Energieverbrauch entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu reduzieren. Besonders grosses Potenzial sehe ich in Bereichen wie der Vermeidung von Food Waste, der Wiederverwendung von Bauteilen, dem Kunststoffrecycling oder der Reparatur von Elektrogeräten. Oft ist die Wiederverwendung ökologisch sinnvoller als ein späteres Recycling.

Welche Entwicklungen oder politischen Entscheide werden den Umweltbereich in den nächsten Jahren besonders prägen?
Die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft wird uns stark beschäftigen. Seit Anfang 2025 ist sie ausdrücklich im Umweltschutzgesetz verankert. Nun geht es darum, die neuen Vorgaben in der Praxis umzusetzen. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Phosphor-Recycling. Ab 2028 müssen phosphorreiche Abfälle wie Klärschlamm oder Tiermehl verwertet werden. Die Herausforderung besteht derzeit darin, die notwendige Infrastruktur aufzubauen und die Finanzierung zu klären. Daneben wird die Umsetzung neuer PFAS-Grenzwerte eine grosse Rolle spielen. Gleichzeitig tauchen laufend neue problematische Stoffe auf, die bewertet und reguliert werden müssen. Auch die Sicherstellung ausreichender Deponiekapazitäten bleibt eine wichtige Aufgabe. Neue Standorte stossen häufig auf Widerstand, obwohl sie für eine funktionierende Entsorgung notwendig sind. Und schliesslich beschäftigen uns die Energiewende und invasive Arten. Ob asiatische Hornisse, Japankäfer oder andere gebietsfremde Tiere – wir werden lernen müssen, mit manchen Entwicklungen pragmatisch umzugehen. Im Umweltbereich geht es letztlich immer darum, Lösungen zu finden, die ökologisch sinnvoll, technisch machbar und wirtschaftlich tragbar sind.