Umwelt Zentralschweiz: Wie beeinflussen die aktuellen regional- und weltpolitischen Entwicklungen die Umweltpolitik und -arbeit auf kantonaler Ebene?
Daniel Marbacher: Die Umweltpolitik ist heute deutlich stärker mit Energie-, Sicherheits-, Wirtschafts- und Gesundheitspolitik verknüpft, was wir z.B. am Thema PV-Anlagen sehen. Internationale Krisen – wie zurzeit in der Ukraine oder im Nahen Osten – zeigen, wie wichtig resiliente und nachhaltige Systeme im Inland sind. Gleichzeitig nehmen gesellschaftliche und politische Spannungen zu, was dazu führt, dass Umweltanliegen stärker begründet und erklärt werden müssen. So steigen die Erwartungen z.B. seitens Bauherrin oder eines ARA-Betreibers. Sie möchten bei ihrem Projekt vorwärts machen, werden aber allenfalls gebremst, weil sich Gesetzgebungen widersprechen oder Vorgaben seitens Bund fehlen, was dann auch den Koordinationsbedarf zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden erhöht.

Wo sehen Sie derzeit die grössten Zielkonflikte zwischen Umweltanliegen und anderen politischen oder wirtschaftlichen Interessen?
Besonders sichtbar sind Zielkonflikte bei der Energieversorgung, Siedlungsentwicklung, Mobilität und Landwirtschaft. Stichworte sind hier z.B. der Gewässerschutz, der die einen freut und die anderen ärgert. Ähnlich verhält es sich, wenn man die Bevölkerung vor Luft- und Lärmemissionen schützen oder auf erneuerbare Energien – welche oft viel Platz brauchen – umsteigen möchte. Der Kanton Luzern wächst wirtschaftlich und bevölkerungsmässig stark. Das bedeutet, dass es mehr Platz für Wirtschaft, Landwirtschaft und Mobilität braucht. Deshalb ist es entscheidend, Entwicklung und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen gemeinsam zu denken. Sonst sind Konflikte mit der Bevölkerung vorprogrammiert. Auch der Anspruch nach schneller Planung und wirtschaftlicher Entwicklung trifft oft auf hohe Anforderungen beim Umwelt- und Ressourcenschutz. Zudem stehen gesetzliche Anforderungen teilweise in einem Spannungsverhältnis zueinander, was eine Interessenabwägung nötig macht. Denn: Umweltschutz funktioniert langfristig nur gemeinsam mit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik – nicht gegeneinander.

Inwiefern verändern Themen wie Energie- und Versorgungssicherheit die Gewichtung von Umweltzielen?
Die Versorgungssicherheit in der Schweiz hat in den letzten Jahren klar an Bedeutung gewonnen. Das hat zum einen mit Geopolitik zu tun, weil wir von Öl, Gas und Strom abhängig sind. Gerade KI braucht viel Strom und Rechenleistung. Andererseits produziert Frankreich plötzlich weniger Strom und Deutschland möchte aus fossiler Produktion und Atomkraft aussteigen. Gleichzeitig zeigt sich, dass Umwelt- und Klimaschutz langfristig selbst ein Beitrag zur Versorgungssicherheit ist. Gute Beispiele dafür sind z.B. der Ausbau erneuerbarer Energien oder die Erhöhung der Energieeffizienz. Die Herausforderung besteht darin, notwendige Projekte rasch umzusetzen und gleichzeitig Umweltanliegen sorgfältig zu berücksichtigen. Dazu braucht es pragmatische und breit abgestützte Lösungen, statt eines Gegeneinanders von Energie und Umwelt. Themen müssen gemeinsam gedacht werden, um die Klimaziele zu erreichen und Abhängigkeiten gegenüber fossilen Energiequellen bis 2050 zu reduzieren.

«Als kantonale Verwaltung sehe ich uns in der Pflicht, möglichst konkrete Lösungen pragmatisch, verlässlich und im Dialog mit der Bevölkerung und den Gemeinden umzusetzen.»

Daniel Marbacher – Leiter der Dienststelle Umwelt und Energie im Kanton Luzern

Welche Rolle spielen internationale Entwicklungen – etwa in der Klima- oder Handelspolitik – für die Arbeit in Ihrem Amt?
Internationale Entwicklungen wirken sich zunehmend direkt auf die kantonale Ebene aus. Viele Vorgaben und Standards entstehen international oder auf Bundesebene und beeinflussen den kantonalen Vollzug. Themen wie Klimapolitik, PFAS oder Luftreinhaltung zeigen, dass Umweltprobleme keine Grenzen kennen. Gleichzeitig sind wir bei Technologien, Energie oder Rohstoffen stark international vernetzt und abhängig, wie vorhin beschrieben. Deshalb werden Zusammenarbeit, Wissensaustausch und koordinierte Lösungen immer wichtiger.

Vor welchen praktischen Herausforderungen stehen Sie bei der Umsetzung von Umweltmassnahmen aktuell, z.B. personell, finanziell oder rechtlich?
Die Themen werden fachlich und rechtlich immer komplexer, wie wir das im Falle der PFAS sehen. Hier ist die Wissenschaft erst am Anfang; das Problem wird langsam verstanden. Was ist nun, wenn die PFAS-Werte in Fleisch oder Fisch zu hoch sind? Wird der Bauer dann entschädigt? HIer ist momentan der Bund daran Lösungen zu suchen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Geschwindigkeit, Kommunikation und Beteiligung. Die Welt wird immer komplexer und ist oft mehrdeutig. Zudem ist der Fachkräftemangel auch im Umweltbereich spürbar. Wir haben momentan das Glück, dass wir ein tolles Team mit hoher Fachkompetenz haben und alle offenen Stellen besetzen konnten. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um all die Aufgaben zu lösen, die heute interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaft, Technik, Recht und Politik erfordern. Gleichzeitig merken wir, dass Umweltanliegen in Krisenzeiten politisch teilweise an Wichtigkeit verlieren. Das macht die Priorisierung von Aufgaben sowie die langfristige Sicherstellung von Ressourcen anspruchsvoll.

Wo sehen Sie trotz der angespannten Lage Chancen, den Umweltschutz im Kanton Luzern gezielt voranzubringen?
Gerade Krisen und Unsicherheiten erhöhen das Bewusstsein für nachhaltige und resiliente Lösungen. Ich sehe grosse Chancen in Innovation, Digitalisierung und besserer Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Gerade auf kantonaler Ebene können wir konkrete Lösungen pragmatisch, verlässlich und im Dialog mit Bevölkerung und Gemeinden umsetzen. Viele Unternehmen und Gemeinden engagieren sich heute aktiv für Energieeffizienz, Klimaanpassung oder Kreislaufwirtschaft. Erfolgreicher Umweltschutz entsteht oft dort, wo gemeinsame Lösungen entwickelt werden, statt reine Verbotsdiskussionen zu führen. So setzt der Planungsbericht Klima und Energie auf Anreize anstatt Verbote. Beispielsweise sollen Ladestationen für Autos bereitstehen, anstatt Benziner verboten werden. Obwohl die Herausforderungen im Bereich Umwelt und der Klimawandel offensichtlich sind, wird es mit harten Forderungen im Umweltschutz schwierig. Langfristig erfolgreiche Lösungen müssen immer im Spannungsfeld zwischen Schutz und Nutzen und unter Einbezug der Bevölkerung erfolgen. Dabei können die Kantone zusammen mit den Gemeinden eine wichtige verbindende und pragmatische Rolle übernehmen. Denn: Nachhaltige Lösungen entstehen dort, wo Umwelt, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Entwicklung zusammengedacht werden.